FAZ vom 16. 07. 2011
Jazz in Gaza
"German Women Jazz Orchestra" mit Weltpremiere
hcr. JERUSALEM, 15. Juli. Die Saxophonistin Angelika Niescier sucht am Morgen danach noch nach Worten. "Es war unfassbar. Wir hatten ein tierisches Publikum. Die Leute waren so warmherzig. Für uns war es eine Ehre, diese Musik hier vorzustellen", schwärmt die Leiterin des "German Women Jazz Orchestra". Am Donnerstagabend spielte sie mit ihren elf Musikerinnen das erste Jazz-Konzert in Gaza-Stadt. Und Dschamal Abu al Qumsan kann sich nicht erinnern, dass Jazz-Musik in seiner Heimatstadt jemals live erklungen ist. Entsprechend stolz ist er darauf, dass die Premiere in der von ihm geleiteten "Al Etehad"-Galerie stattfand.
Rund 500 Zuhörer drängten sich an dem warmen Sommerabend an den Tischen unter freiem Himmel. Die meisten von ihnen hatten wenig Ahnung von Jazz. Aber nach Jahren der israelischen Abriegelung und internationaler Isolation ist die Neugier so groß wie der Hunger auf Kontakte mit der Außenwelt. So etwas habe er sich bislang nur im Internet anhören können, sagt ein Zuhörer. "Es gibt ein Publikum und die Menschen wollen mehr davon", sagt Jörg Schumacher, der als Leiter des Goethe-Instituts in Ramallah auch für den Gazastreifen zuständig ist. Mit Unterstützung der Deutschen Welle und der Böll-Stiftung hatte das Goethe-Institut das Jazz-Orchester nach Gaza gebracht, das auf seiner Nahost-Tournee zuvor auch schon im nordirakischen Erbil aufgetreten war.
Das Konzert im Gazastreifen war aber nicht nur musikalisch eine besondere Herausforderung. Denn dort schränken die herrschenden Islamisten von der Hamas die Bewegungsfreiheit von Frauen immer stärker ein. Sie dürfen nicht öffentlich rauchen, nicht mit Männern auf einem Motorrad fahren und sollen ihr Haar bedecken. Am Donnerstagabend stand dann aber ein reines Frauenorchester auf der Bühne vor einem jüngeren Publikum: Männer, Frauen - einige verschleiert - und Kinder waren gekommen.
Applaus gab es nicht nur für Musik. Zweimal fiel während des Konzerts das Licht aus. Trotz der Lockerung der israelischen Blockade fehlt es den etwa 1,5 Millionen Einwohnern Gazas weiter an Selbstverständlichem wie Strom und Trinkwasser. Das Konzert selbst stand erst wenige Stunden vor Beginn fest, denn normalerweise lassen die israelischen Soldaten nur UN-Mitarbeiter, Diplomaten, ausländische Helfer und Journalisten über ihren schwer bewachten Übergang in Eres. Palästinenser dürfen ihn nur in humanitären Notfällen passieren. Die Einreise der Musikerinnen klappte jedoch ohne Zwischenfälle, obwohl es kein ruhiger Tag war: Während die Deutschen probten und spielten, feuerten bewaffnete Islamisten aus Gaza mehrere Raketen auf israelisches Gebiet ab, die israelische Luftwaffe beschoss sechs Ziele in Gaza.
Das Konzert selbst blieb am Ende auch nicht unpolitisch. Zu den zwölf Frauen gesellten sich zwei Rapper aus Gaza. Normalerweise erteilt ihnen die regierende Hamas keine Genehmigung für ihre Solo-Auftritte, weshalb sie ihre Musik vor allem im Internet verbreiten. "Die beiden waren hochprofessionell und total offen", berichtet Angelika Niescier. Nach einer kurzen Probe begleitete im letzten Stück ihr Orchester Mohammed Antar und Ahmad Rezeq, die davon sangen, dass sie sich von niemandem vereinnahmen lassen wollten - weder von Parteien noch von politischen Problemen.